Vereinigte Staaten von Amerika: Europa und die USA nach 1918

Vereinigte Staaten von Amerika: Europa und die USA nach 1918
Vereinigte Staaten von Amerika: Europa und die USA nach 1918
 
Die Völkerbundsdebatte in den USA
 
Präsident Woodrow Wilsons hervorgehobene Stellung unter den »Friedensmachern« in Paris 1919/20 reflektierte die Schwächung Europas durch einen Krieg, der Millionen Menschenleben gekostet hatte, und den parallelen Aufstieg der USA zur führenden Weltmacht. Die Amerikaner hatten nicht nur ihre eigenen Kriegsanstrengungen finanziert, sondern zum beträchtlichen Teil auch diejenigen der europäischen Verbündeten. Während des Kriegs waren sie von einem Schuldnerland zum größten Gläubiger der Welt geworden. Geostrategisch befanden sie sich in einer Schlüsselposition zwischen Europa und Asien, da sie eine starke Flotte besaßen und den Panamakanal kontrollierten.
 
Außerdem hatte der Krieg bewiesen, zu welch entschlossener Kraftentfaltung die amerikanische Nation im Krisenfall trotz aller ethnischen, regionalen und sozialen Unterschiede fähig war. Nachträglich begannen jedoch viele Bürger, am Sinn der Kriegsbeteiligung zu zweifeln, da die tatsächlichen Ergebnisse weit hinter den Erwartungen von Frieden, Demokratie und nationaler Selbstbestimmung zurückblieben, die Wilsons »Kreuzzug« gegen das deutsche Kaiserreich geweckt hatte. Wilson verwies zwar auf den neu gegründeten Völkerbund, der durch friedliche Revision die Versäumnisse der Friedensverträge nach und nach beseitigen würde. Aber gerade an der Völkerbundssatzung, die der Präsident für den Kern des Versailler Vertrags hielt, entzündete sich in den USA ein Streit, der das Scheitern seiner Politik besiegelte.
 
Die Ratifizierungsdebatte des Senats fand in einem Klima statt, das durch die Schwierigkeiten der Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft und durch die Furcht vor dem Bolschewismus zum Teil paranoide Züge annahm. Schreckensberichte über die Revolutionen in Europa, eine Streikwelle, an der sich 4 Millionen amerikanische Arbeiter beteiligten, blutige Rassenunruhen in mehreren großen Städten und Bombenattentate von Anarchisten lösten 1919/20 eine Kommunistenhysterie (red scare) aus. Landesweit setzten die Behörden Tausende von Verdächtigen ohne Haftbefehl fest und deportierten mehrere Hundert Personen nach Europa. Eine unvoreingenommene Prüfung des Versailler Vertrags war in dieser Atmosphäre kaum möglich. Der Hauptvorwurf der Ratifizierungsgegner lautete, die Bestimmungen zur »kollektiven Sicherheit« in Artikel 10 der Völkerbundssatzung würden die USA automatisch in jeden europäischen oder kolonialen Krieg hineinziehen. Bei der Schlussabstimmung im Senat im März 1920 verfehlte der Versailler Vertrag knapp die notwendige Zweidrittelmehrheit. Die Distanzierung von der Völkerbundsidee zeigte, dass die Amerikaner nicht bereit waren, eine ihrem Machtzugewinn adäquate weltpolitische Verantwortung zu übernehmen. Das trug in der Folgezeit ebenso zur Instabilität des Versailler Systems bei wie das ungeklärte Verhältnis der westlichen Demokratien zur Sowjetunion und die komplexe Verschränkung von Reparations- und Kriegsschuldenproblematik.
 
 Die Außenpolitik der republikanischen Administrationen von 1921 bis 1933
 
Der Weltkrieg hatte die Abneigung der USA gegen jede Verwicklung in die Konflikte anderer Völker keineswegs beseitigt, sondern eher noch bestärkt. Der vehemente Einsatz der Friedensbewegung für eine weltweite Abrüstung und die häufig geäußerte Überzeugung, dem »moralisch verrotteten« Europa sei ohnehin nicht zu helfen, dokumentierten den Wunsch der Amerikaner, ähnliche Erfahrungen wie die von 1917/18 nicht noch einmal durchleben zu müssen. Auf der anderen Seite machte sich bei den Eliten die Erkenntnis breit, dass man in einer Welt der wechselseitigen Abhängigkeiten lebte, dass wirtschaftliche Ziele in Übersee nicht ohne politisches Engagement verfolgt werden konnten, und dass die USA Mitverantwortung für gedeihliche internationale Beziehungen trugen. Mochten in der Bevölkerung und im Kongress auch isolationistische Stimmungen vorherrschen, so steuerten die amerikanischen Politiker und Diplomaten doch einen mittleren Kurs zwischen involvement und detachement, zwischen Teilnahme an der Weltpolitik und Distanz zum Geschehen in anderen Erdteilen. Die Außenminister CharlesE. Hughes, FrankB. Kellogg und HenryL. Stimson führten keine »Kreuzzüge« mehr, um amerikanische Ordnungsvorstellungen durchzusetzen, sondern waren darauf bedacht, innenpolitischen Streit über die Außenpolitik zu vermeiden. Die weltweiten amerikanischen Interessen sollten möglichst ohne den Einsatz militärischer Machtmittel gewahrt werden: durch vertragliche Rüstungsbegrenzung; durch die Stabilisierung des Status quo in Europa; durch verbesserte Beziehungen zu den Staaten der westlichen Hemisphäre; und durch die Propagierung von Prinzipien wie dem der »offenen Tür«, der friedlichen Schlichtung von Konflikten, der Nichtanerkennung gewaltsamer Veränderungen und der Ächtung des Kriegs. Der Begriff Isolationismus trifft auf eine solche Politik nicht zu, die sich besser als »unabhängiger Internationalismus« oder »selektiver Unilateralismus« charakterisieren lässt. Ihre Schwächen bestanden darin, dass sie wenig Rückhalt in einer weitgehend desinteressierten Bevölkerung fand und dass sie allzu viel Vertrauen in die Wirksamkeit vertraglicher Übereinkünfte und rechtlicher Garantien setzte.
 
Asien, Lateinamerika und der Nahe Osten
 
Nach der Ablehnung des Versailler Vertrags lösten sich die USA vollends von ihren europäischen Verbündeten und schlugen einen unabhängigen Kurs ein. Das Hauptaugenmerk der Administration Harding galt zunächst der Lage im Pazifik, die durch das Wettrüsten der Großmächte instabil zu werden drohte. Die Washingtoner Konferenz 1921/22 zeitigte aus amerikanischer Sicht positive Ergebnisse: Ein Nichtangriffspakt zwischen den USA, Großbritannien, Japan und Frankreich löste die bisherige britisch-japanische Verteidigungsallianz ab; Vereinbarungen über Obergrenzen und Paritäten beim Schlachtschiffbau dämpften die Sorge vor dem japanischen Expansionismus; und durch die offizielle Anerkennung des Prinzips der offenen Tür schienen die Souveränität und territoriale Integrität Chinas ebenso wie die amerikanischen Wirtschaftsinteressen in diesem Raum gesichert. Tatsächlich verloren die USA aber allmählich an Einfluss, weil sie — anders als Großbritannien und Japan — die Rüstungsobergrenzen gar nicht erreichten, und weil die chinesischen Nationalisten einer friedlichen ökonomischen Durchdringung immer größere Hindernisse in den Weg legten.
 
In der westlichen Hemisphäre vollzogen die USA eine schrittweise Abkehr vom militärischen Interventionismus, den Theodore Roosevelt begonnen hatte. Politische Kontrolle und ökonomische Vorteile suchte man nun durch eine engere Zusammenarbeit mit den lokalen Eliten zu erlangen. Die Hauptinstrumente der Einflussnahme waren Kredite und Militärhilfen, die an befreundete Regierungen vergeben wurden, sowie die Unterstützung der amerikanischen Konzerne, die in den Staaten der Region operierten. Parallel dazu liefen Versuche, die panamerikanische Bewegung unter Führung der USA wieder zu beleben. Mit dem neuen Etikett der »Politik der guten Nachbarschaft« versehen, setzte Franklin D. Roosevelt diese Linie in den Dreißigerjahren im Wesentlichen fort. Hauptziel blieb jedoch stets, Lateinamerika und die Karibik im Sinne der Monroedoktrin als exklusive Interessensphäre der USA gegen Konkurrenz und Einmischungen anderer Großmächte abzuschirmen. Von einer echten Rücksichtnahme auf die sozialen Probleme und nationalen Empfindlichkeiten der betroffenen Länder war man in Washington noch weit entfernt.
 
Obwohl die USA über reiche Ölreserven und eine leistungsfähige Erdölindustrie verfügten, spielte die wachsende Nachfrage nach Öl nun bereits eine Rolle in den Außenbeziehungen. Das galt für lateinamerikanische Staaten wie Mexiko, Venezuela, Kolumbien und Bolivien, in denen US-Konzerne, allen voran die Standard Oil Company, eine starke Position erlangten, zunehmend aber auch für den Nahen und Mittleren Osten, der als das Fördergebiet der Zukunft galt. Hier besaßen allerdings europäische Unternehmen wie die Royal Dutch/Shell-Gruppe und die Anglo Iranian Oil Company praktisch das Monopol. Mit tatkräftiger Hilfe des Außenministeriums gelang es den großen amerikanischen Konzernen immerhin, die britische Konkurrenz in Lateinamerika zurückzudrängen und im Nahen und Mittleren Osten als Juniorpartner in das europäische Erdölkartell aufgenommen zu werden. Ansonsten stießen Amerikaner, die in europäischen Kolonialgebieten und Interessensphären nach Absatzmärkten und Rohstoffen Ausschau hielten, aber zumeist noch auf »geschlossene Türen«.
 
Wirtschaftliches Engagement in Europa
 
Auf dem europäischen Kontinent hatten sich durch die Niederlage Deutschlands, den Zerfall der Habsburger Monarchie und die Russische Revolution gewaltige Änderungen vollzogen. Die Amerikaner wollten hier weder das aus ihrer Sicht übertriebene Sicherheitsstreben Frankreichs noch den deutschen Revisionismus fördern, sondern auf begrenzte Problemlösungen hinwirken, die zur wirtschaftlichen und politischen Stabilisierung beitragen konnten.
 
Erst 1921 unterzeichneten Berlin und Washington einen separaten Friedensvertrag. Wenngleich sich die USA alle den Siegermächten laut Versailler Vertrag zustehenden Rechte sicherten, konnte die Reichsregierung die Einigung mit Washington, der bald auch ein Wirtschaftsabkommen folgte, dennoch als ersten Schritt aus der internationalen Isolierung feiern. Die großen Hoffnungen, die sich an eine Rückkehr der USA auf die europäische Bühne knüpften, wurden aber zunächst enttäuscht. Trotz der Befürchtungen, die der zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion im April 1922 geschlossene Rapallovertrag weckte, blieb das Interesse Washingtons an den Vorgängen in Osteuropa gering. Eine Mitarbeit an dem vom britischen Premierminister David Lloyd George vorgeschlagenen und auf der Konferenz in Genua 1922 diskutierten Wiederaufbauprogramm für die Sowjetunion lehnten die USA ab, solange die Moskauer Regierung nicht die Vorkriegsschulden und die Prinzipien der Marktwirtschaft anerkannte. Für vordringlich erachteten amerikanische Regierungs- und Unternehmerkreise die ökonomische Gesundung Deutschlands, ohne die der stockende Wirtschaftskreislauf in Europa nicht in Gang kommen konnte. Als schwerstes Hindernis erwies sich die finanzielle Hinterlassenschaft des Kriegs, zum einen die Reparationen, die Deutschland an die Siegermächte zahlen musste, zum anderen die Kriegsschulden der Alliierten untereinander, von denen mehr als die Hälfte den USA geschuldet wurde. Die Alliierten glaubten, ihre Zahlungsverpflichtungen an die USA nur einhalten zu können, wenn sie von Deutschland Reparationen erhielten. Bis 1923 hatten sich Franzosen, Deutsche und Briten derart heillos in die Reparationsproblematik und den Ruhrkampf verstrickt, dass ein Ausweg nur noch mit amerikanischer Hilfe möglich war. Washington hielt sich politisch im Hintergrund, entsandte aber kompetente Fachleute wie die Bankiers Owen D. Young und Charles G. Dawes nach Europa und ermunterte große Banken, allen voran J. P. Morgan and Company, sich finanziell auf dem Kontinent zu engagieren. Ein auf der Londoner Konferenz von 1924 angenommener und nach Dawes benannter Plan verband die Festsetzung jährlicher Reparationsraten mit einem großen Stabilisierungskredit für die Weimarer Republik.
 
Dieser Dawesplan, der eine fünfjährige Erholungs- und Prosperitätsphase einleitete, ließ die Bereitschaft der US-Regierung erkennen, die großen Finanzreserven der Nation einzusetzen, um Europa gemäß den Regeln einer liberal-kapitalistischen Ordnung wieder aufzubauen. Ohne dieses amerikanische Engagement wäre weder die Stabilisierung der deutschen Währung noch die Rückkehr der europäischen Länder zum Goldstandard der Vorkriegszeit gelungen. In Washington war man sich darüber klar geworden, dass der amerikanische Wohlstand auch von aufnahmefähigen europäischen Märkten und einem funktionierenden internationalen Finanzsystem abhing. Ab 1924/25 floss ein wachsender Strom privaten amerikanischen Kapitals nach Europa, hauptsächlich nach Deutschland, und US-Konzerne wie Ford und General Motors nahmen große Investitionen vor, um den noch unterentwickelten europäischen Markt zu erschließen. Während General Motors 1929 die Adam Opel AG in Rüsselsheim aufkaufte und den deutschen Markennamen beibehielt, baute Ford in Köln mit tatkräftiger Unterstützung durch Oberbürgermeister Konrad Adenauer eigene Produktionsanlagen auf. Zusammen mit diesem amerikanischen Kapital gelangten technisches Know-how, moderne Managementmethoden und Rationalisierungspraktiken nach Deutschland. Von amerikanischen Krediten und Investitionen profitierten auch die ehemaligen Alliierten einschließlich Italiens, obwohl das Land seit 1922 diktatorisch regiert wurde. In Washington sah man keinen Grund, sich in die inneren Angelegenheiten Italiens einzumischen, und viele Politiker, Diplomaten und Unternehmer empfanden sogar gewisse Sympathien für Mussolinis Faschismus, der Ordnung, Stabilität und Fortschritt zu verbürgen schien. In Italien wie in Deutschland wurden die amerikanischen Kredite aber keineswegs ausschließlich produktiv angelegt, sondern dienten auch zum Bau von staatlichen und kommunalen Prestigeobjekten. Dadurch erhöhten sich die Risiken der Verschuldung, zumal ein Teil der privaten amerikanischen Kredite nur kurzfristig gewährt und gegebenenfalls rasch abgezogen werden konnte.
 
Während so einerseits amerikanische Gelder nach Europa flossen, beharrten die USA andererseits darauf, dass die ehemaligen Verbündeten ihre Kriegsschulden zurückzahlten. Kongress und Regierung hatten die Kriegskredite nie unter politischen Gesichtspunkten betrachtet, sondern als reine »geschäftliche Transaktionen« begriffen. In Wirklichkeit aber war in Europa bereits ein »Schuldenkarussell« in Gang gekommen, bei dem Deutschland mit amerikanischen Krediten seine Reparationen beglich, und die europäischen Siegermächte mithilfe dieser Einnahmen ihre Schulden in den USA abzahlten. Dieser letztlich unproduktive Kreislauf hätte nur durchbrochen werden können, wenn die USA für eine gleichzeitige Streichung von Reparationen und Kriegsschulden eingetreten wären, und wenn der Kongress die seit 1922 geltenden protektionistischen Zölle abgebaut hätte, um den Europäern höhere Exporte und Deviseneinkünfte zu ermöglichen. Zu einem solchen befreienden Schritt konnten sich aber weder die Politiker in Washington noch die Bankiers und die amerikanischen Geldanleger durchringen.
 
Sicherheitspolitische Strategien der USA in Europa
 
Ähnlich deutliche Widersprüche wiesen die sicherheitspolitischen Strategien der USA in Europa auf. Einerseits hielten sich die Amerikaner offiziell von den Bemühungen des Völkerbunds um kollektive Sicherheit ebenso fern wie von der Locarno-Diplomatie Aristide Briands, Gustav Stresemanns und Austen Chamberlains. Andererseits übten amerikanische Diplomaten und Geschäftsleute hinter den Kulissen doch erheblichen Einfluss auf die europäische Politik aus. Sie drängten ihre ehemaligen Verbündeten, im Rahmen des Völkerbunds mutige Abrüstungsschritte zu unternehmen, um Deutschlands Forderung nach Gleichberechtigung entgegenzukommen. Den Wunsch der Franzosen nach einer Sicherheitsgarantie gegen Deutschland beantwortete Außenminister Frank Kellogg schließlich 1928 mit dem Vorschlag eines »Kriegsächtungspakts«, dem zunächst 15, später sogar über 60 Regierungen beitraten. Vom völkerrechtlichen Standpunkt aus gesehen brachte dieser Briand-Kellogg-Pakt zwar wichtige Fortschritte, doch in der gegebenen Situation wiegte er viele Menschen in falscher Sicherheit, da sie nicht erkannten, dass es sich bei der Ächtung des Angriffskriegs letztlich nur um einen moralischen Appell ohne bindende Wirkung handelte. Eine Festigung des Völkerbunds wäre zweifellos sinnvoller gewesen, aber sie kam für die auf Unabhängigkeit und »freie Hand« bedachte amerikanische Außenpolitik nicht in Frage.
 
 Das Scheitern der Stabilisierungsbemühungen (ab 1929)
 
Die begrenzten Stabilisierungserfolge, die auf der Grundlage des Dawesplans erzielt worden waren, gingen ab 1929 in der Weltwirtschaftskrise unter. In dieses Jahr fiel der nach dem amerikanischen Bankier OwenD. Young benannte Plan, der erstmals eine Gesamtsumme für die deutschen Reparationen bestimmte, die Jahresraten herabsetzte und eine neue amerikanische Anleihe gewährte. Obwohl diese »endgültige« Reparationsregelung der Weimarer Republik deutliche Erleichterungen verschaffte — die Laufzeit bis 1988 war von vornherein eher theoretischer Natur —, löste sie in Deutschland einen Proteststurm aus, der den rechtsradikalen Parteien Auftrieb gab. Die privaten amerikanischen Kredite waren schon seit 1928 zurückgegangen, weil sich in den USA angesichts des Booms an der Wall Street lukrativere Anlagemöglichkeiten boten. Nach dem Börsenkrach vom Oktober 1929 wurde der Kreditstrom noch dünner, und nach dem Wahlerfolg der Nationalsozialisten im September 1930, der das Vertrauen der amerikanischen Gläubiger in die politische Stabilität der Weimarer Republik untergrub, versiegte er vollends. Nun wurden viele amerikanische Kredite überstürzt abgezogen. Die Folge waren Firmenzusammenbrüche und Bankenkrisen in Europa von bis dahin unvorstellbarem Ausmaß. Damit begann die gesamte Wirtschaftstätigkeit zu stocken, und Deutschland und Europa gerieten in den Sog der Krise. Um den totalen Kollaps der Finanzmärkte abzuwenden, verkündete Präsident Herbert C. Hoover 1931 ein Moratorium, das alle internationalen Zahlungsverpflichtungen für ein Jahr aussetzte. Faktisch bedeutete dies das Ende der Reparationen, das 1932 auf der Konferenz von Lausanne besiegelt wurde. Bis auf Finnland stellten nun auch die Schuldner der USA ihre Rückzahlungen ein, sodass die amerikanischen Gläubiger den größten Teil der Kriegskredite abschreiben mussten.
 
Zur selben Zeit zeichnete sich in Asien das Scheitern des amerikanischen Konzepts ab, Frieden durch wirtschaftliche Prosperität zu gewährleisten. Das Vordringen der Japaner auf dem chinesischen Festland, das 1931 mit der Invasion in der Mandschurei begann, konnten die USA weder allein noch im Rahmen des Völkerbunds verhindern. Die Administration Hoover pochte zwar auf die Regeln und Prinzipien, zu deren Einhaltung sich die Signatarstaaten der Washingtoner Konferenz 1921/22 verpflichtet hatten. Die Verträge sahen aber keinerlei Sanktionsmöglichkeiten gegen ein Land vor, das die Bestimmungen missachtete. Für seinen Vorschlag, Japan mit einem Waffenembargo zu belegen, fand Außenminister Stimson keine Mehrheit im Kongress. Unter diesen Umständen war die später zur Stimsondoktrin stilisierte Entscheidung, dem japanischen Marionettenstaat Mandschukuo die diplomatische Anerkennung zu verweigern, kaum mehr als eine symbolische Geste, die politische und militärische Hilflosigkeit verhüllen sollte. Die Hoffnung auf eine liberal-kapitalistische Weltordnung, die allein durch ihre »innere Logik« Stabilität produzierte, hatte sich als trügerisch erwiesen. Vielmehr stellte die Weltwirtschaftskrise die Existenz der Demokratie in Amerika und Europa infrage und bereitete einer Aufspaltung der Welt in Machtblöcke und ideologische Lager den Boden.
 
Prof. Dr. Jürgen Heideking
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Roosevelt: New Deal
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Vereinigte Staaten von Amerika: USA nach dem Ersten Weltkrieg
 
 
America's history, Beiträge von James A. Henretta u. a. 2 Bände. New York 31997.
 Case, Josephine Young / Case, Everett Needham: Owen D. Young and American enterprise. A biography. Boston, Mass., 1982.
 Cashman, Sean Dennis: America in the twenties and thirties. The Olympian age of Franklin Delano Roosevelt. New York u. a. 1989.
 Dallek, Robert: Franklin D. Roosevelt and American foreign policy 1932-1945. Neudruck New York u. a. 1995.
 
Deutsche Reichsgeschichte in Dokumenten. Urkunden und Aktenstücke zur inneren und äußeren Politik des Deutschen Reiches, herausgegeben von Johannes Hohlfeld. Band 2: 1906-1926. Neudruck Nendeln 1972.
 
Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, herausgegeben von Hermann Kellenbenz u. a. Band 6: Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart, herausgegeben von Wolfram Fischer. Stuttgart 1987.
 Hofstadter, Richard: The age of reform. From Bryan to F. D. R. Neudruck New York 1985.
 Junker, Detlef: Der unteilbare Weltmarkt. Das ökonomische Interesse in der Außenpolitik der USA 1933-1941. Stuttgart 1975.
 Link, Werner: Die amerikanische Stabilisierungspolitik in Deutschland 1921-32. Düsseldorf 1970.
 Rosenberg, Emily S.: Spreading the American dream. American economic and cultural expansion, 1890-1945. Neudruck New York 1993.
 
Völkerrecht. Dokumentensammlung, herausgegeben von Friedrich Berber. 2 Bände. Berlin 1967.

Universal-Lexikon. 2012.

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